Montag, 23. Juni 2014

Preisträger Christian Hansen und Matthias Strobel über die finanzielle Seite des Übersetzerberufs



Unterschätzt, vergessen, schlecht bezahlt – und trotzdem begeistert von ihrer Arbeit: Die Übersetzer haben es im deutschen Literaturbetrieb nicht leicht. Die Preisträger Christian Hansen und Matthias Strobl gaben Einblicke in ihr Leben.


Offenburg. Fünf Seiten pro Tag brutto, mehr ist nicht drin. Darin waren sich die beiden Übersetzer Christian Hansen, der Preisträger des Europäischen Übersetzerpreises, und Förderpreisträger Matthias Strobel beim Kulturgespräch am Samstagabend im Salmen einig. Netto macht das eine Seite pro Tag, denn mit Lektorat, Korrekturen und Revision »habe ich das Buch gut fünf Mal in komplett gelesen und überarbeitet«, erklärte Hansen. Das Problem: Für eine Seite bezahlt der Verlag ungefähr 20 Euro. 10 000 Euro also gibt es für ein 500-Seiten-Buch, das den Übersetzer gut und gerne zehn Monate beschäftigt, aber nicht ernährt.

Mehr Geld in den Übersetzerfonds, das könnte helfen, findet Strobel, der wie Hansen aus dem Spanischen übersetzt. Der Fonds leiste eine gute Arbeit und unterstütze die Übersetzer. Verbesserungen zeichnen sich auch durch das neue Urheberrecht ab. Danach sollen die Übersetzer Tantiemen erhalten. In der Praxis, das zeigte die Diskussion mit Moderator Paul Ingendaay, sieht es aber anders aus: Erst nach und nach setzt es sich durch, dass die Übersetzer am Verkaufserfolg beteiligt werden. Ingendaay wies zudem noch auf eine Ungerechtigkeit hin: Übersetzer sprachlich leicht gestalteter Bestseller sind nicht nur schneller mit ihrer Arbeit fertig – sie verdienen auch viel besser.
Wer, wie die beiden Offenburger Preisträger, hochliterarische Werke ins Deutsche überträgt, hat damit deutlich mehr Aufwand. Dabei, erklärte Hansen, müsse man »eine Haltung finden zum Autoren«. Den Zuhörern machte er seine Arbeit durch einen Vergleich plastisch: Der Übersetzer sei der nächste berufliche Verwandte des Schauspielers – der müsse auch einen fremden Text zum Leben erwecken. Der Intention und Emotion des Autoren gelte es sich anzunähern: Er brauche jeweils das erste Buch, um sich den Stil des Autoren anzueignen.


5000 Bücher sind gut


Besonders gelungen ist ihm das bei »2666« – vielleicht auch deshalb, weil Roberto Bolano bei der Übersetzung hierzulande noch kein großer Name war. Doch nach zwei Jahren musste Hansen Gas geben, weil das Werk über den »Durchlauferhitzer USA« (Ingendaay) zum Bestseller geworden war. Auch in Deutschland verkaufte es sich dann 40 000-mal. Hansen liest heute, 20 Uhr, in der Stadtbibliothek aus diesem Werk.
Für Erheiterung sorgte die Beschreibung von Hansens Arbeitstag: Es gebe ein Vorher und ein Nachher. Damit meinte er die beiden Kleinkinder, die sein Arbeitspensum von rund zwölf Stunden täglich auf fünf eindämmten und verhindern, »dass es zeitlich in den roten Bereich geht«. Und Strobel, dem ebenfalls Nachwuchs ins Haus steht, konnte erahnen, dass auch seine Zeit bald begrenzter sein wird.


Immerhin: Der Offenburger Preis ist ein Schritt in die richtige Richtung – nämlich die, die Arbeit der Übersetzer transparent zu machen. Dass das Publikum der kostenfreien Veranstaltung im nur zu einem Drittel gefüllten Salmen überwiegend aus Familie, Freunden, jungen Kollegen und Amtsträgern bestand, zeigte, dass hier Nachholbedarf besteht. Oder es lag, wie Ingendaay vermutete, an der  gleichzeitigen Fußball-Übertragung.
In anderen Ländern stehen die Namen der Übersetzer neben denen der Autoren auf dem Titelblatt – in Deutschland immerhin inzwischen gelegentlich im Klappentext. Ob sie dem Originaltext treu bleiben oder nicht, das sahen die beiden auf dem Podium unterschiedlich. Offenburgs Kulturchefin Carmen Lötsch hatte bei ihrer Einführung Umberto Ecos Zitat  »Wort für Wort ist längst kein Satz« in die Diskussion eingebracht. Sie sah das Übersetzen als Spagat zwischen Übertragung und Interpretation.



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